US-Zollschlag: Was ändert sich jetzt für brasilianische Exporteure
CNI, Amcham und U.S. Chamber forderten ein Abkommen, um neue US-Zölle zu vermeiden, doch der Zollschlag von bis zu 37,5% ist bereits in Kraft. Verstehen Sie die unmittelbaren Auswirkungen auf Ihre Operation.

Am 22. Juli 2026 trat in den Vereinigten Staaten ein zusätzlicher Zoll von 25% auf rund 4.000 brasilianische Produkte in Kraft, der etwa 11 Mrd. US$ an Exporten pro Jahr betrifft, was 26,2% der brasilianischen Verkäufe in die USA entspricht, so die CNI(CNI). Parallel dazu schuf eine zweite Maßnahme einen Aufschlag von 12,5% auf einen anderen Teil der Exporte, mit der Möglichkeit, gegenüber dem Ordinarzzoll kumulativ bis zu 37,5% hinzuzurechnen(MDIC).
Bereits vor der endgültigen Ankündigung hatten CNI, Amcham Brasil und U.S. Chamber am 9. Juli 2026 ein gemeinsames Schreiben an die Regierungen Brasiliens und der USA gesandt und um eine kurzfristige Übereinkunft gebeten, um die Anwendung dieser zusätzlichen Zölle nach Section 301 zu vermeiden(Comex do Brasil). Für Exporteure und Importeure ist das keine abstrakte handelspolitische Debatte: es verändert den Endpreis, die Marge, die Rentabilität von Routen, den Vertragsaufbau und sogar die Entscheidung, den US-Markt weiterhin prioritär zu halten oder nicht.
Das Zollbild: Zahlen, Daten und Reichweite
In 2025 und 2026 leitete die US-Regierung Untersuchungen gegen Brasilien auf Grundlage der Section 301 des Trade Act von 1974 ein und warf „unfaire Praktiken“ vor, die den US-Handel einschränkten(Reuters/UOL). Am 2. Juni 2026 schlug die Administration Trump einen zusätzlichen Zoll von 25% auf einen breiten Warenkorb brasilianischer Produkte vor, mit Ausnahme von Gegenständen, die bereits unter Section 232 (nationale Sicherheit) fallen(Reuters/UOL). Am 15. Juli 2026 bestätigte die Regierung die Einführung dieses 25%-Zolls nach Abschluss der Section-301-Untersuchung(Metrópoles).
Laut offizieller Stellungnahme der CNI vom 17. Juli 2026 gilt der 25%-Zoll:
- für rund 4.000 brasilianische Produkte;
- trifft trotz 429 Ausnahmen in der finalen US-Entscheidung etwa 11 Mrd. US$ an Exporten, also 26,2% der brasilianischen Verkäufe in die USA;
- ist seit dem 22. Juli 2026 in Kraft(CNI).
Anschließend veröffentlichten die USA am 23. Juli 2026 eine neue Maßnahme auf Basis der Section 301 und schufen einen zusätzlichen Aufschlag von 12,5% auf einen anderen Teil der US-Importe aus Brasilien(MDIC). Die MDIC-Notiz, bezogen auf die Exportliste 2024 (40,4 Mrd. US$), beschreibt die aktuelle Lage:
- 52,7% der Exporte stehen weiterhin nur unter dem NMF-Tarif, ohne Aufschläge 232 oder 301 (21,3 Mrd. US$);
- 1,9% (0,8 Mrd. US$) unterliegen nur dem 25%-Aufschlag (Section 301 spezifisch für Brasilien);
- 4,7% (1,9 Mrd. US$) nur dem 12,5%-Aufschlag (Liste der 60 größten Partner);
- 16,5% (6,6 Mrd. US$) unterliegen gleichzeitig den 12,5%‑ und 25%‑Aufschlägen, also kumulativ 37,5%;
- 24,2% (9,8 Mrd. US$) standen bereits unter sektoriellen Zöllen der Section 232 (Stahl, Aluminium, Holz, Fahrzeuge u. a.)(MDIC).
Diese Section-301-Aufschläge gelten nicht für Produkte, die bereits unter Section 232 fallen, welche eigene hohe Sätze behalten. Section-232-Zölle auf Stahl, Aluminium und Kupfer erreichten bis zu 50% und bleiben in Kraft, mit erweitertem Umfang für einige Derivate, selbst nach dem 301-Zollschlag(G1).
In der Summe schätzt das MDIC, dass mehr als 23% der brasilianischen Exporte in die USA (Basis 2024) neue Section-301-Aufschläge erfahren haben, während 24,2% weiterhin unter Section 232 stehen. Also liegt rund 47–50% der Exportliste heute unter irgendeiner Form von Aufschlag zusätzlich zum Normzoll(MDIC).
Parallel dazu identifizierte das Observatório da Indústria der CNI 6.073 Zolltarifcodes brasilianischer Produkte mit irgendeiner Form von zusätzlichem Zoll (10%, 25% oder 50%) nach dem Zollschlag, wenn man die Maßnahmen der Sections 122, 232 und 301 zusammenfasst(Jornal do Comércio/CNI).
Im bilateralen Handel teilt das MDIC mit, dass die brasilianischen Warenexporte in die USA von 40,4 Mrd. US$ in 2024 auf 37,7 Mrd. US$ in 2025 sanken und 2026 weiter rückläufig waren, "im Gefolge der von den USA eingeführten Aufschläge"(MDIC). Die Amcham Brasil schätzt, dass mehr als 11 Mrd. US$ an Industrie- und Agrarexporten vom 25%-Zoll ab dem 22. Juli 2026 betroffen sein könnten(Amcham/Felipe Tavares).
Wichtig: Produkte wie Kaffee, Fleisch, Orangensaft, Teile der Zellulose und Kraftstoffe bleiben außerhalb der 232/301-Aufschläge und unterliegen laut MDIC und dem BR–US-Handelsmonitor weiterhin nur den NMF-Tarifen der USA(MDIC).
In dieses Bild passt das gemeinsame Schreiben vom 9. Juli: CNI, Amcham Brasil und U.S. Chamber fordern ein zweistufiges Abkommen: kurzfristig die Vermeidung oder Aussetzung der neuen Section-301-Zölle; mittelfristig und langfristig den Aufbau einer Kooperationsagenda zu Themen wie Wertschöpfungsketten, digitale Wirtschaft, Handelsfacilitation, Innovation, Dekarbonisierung und Landwirtschaft(Comex do Brasil). Die Branchenpresse und andere Medien griffen diesen Vorstoß auf und hoben das Anliegen hervor, die bilaterale Beziehung zu bewahren und neue Kosten für Unternehmen, Beschäftigte und Verbraucher beider Länder zu vermeiden(PIXTV).
Praktische Auswirkungen auf die Operation: Preis, Route, Vertrag und Dokumentation
Aus Sicht von Handelstreibenden schafft das neue US-Zollregime fünf mögliche Situationen für denselben HS-Code, gemäß der MDIC-Notiz(MDIC):
- nur Ordinarzoll (NMF);
- Ordinarzoll + 25% (Section 301 spezifisch für Brasilien);
- Ordinarzoll + 12,5% (301‑Liste der 60 größten Partner);
- Ordinarzoll + 37,5% (12,5% + 25% kumulativ);
- Ordinarzoll + Section 232 (10%, 25% oder 50%, je nach Produkt), ohne Kumulation mit 301, wenn der Posten bereits in der 232‑Liste steht.
Praktisch heißt das: jede Zollposition muss überprüft werden:
- Preisbildung: FOB + NMF + eventuell 232/301 + Fracht + Versicherung für jeden HS simulieren. In vielen Fällen kann die Summe von 25–37,5–50% den Endpreis auf dem US‑Markt untragbar machen.
- Verträge: Klauseln zur "tariff pass-through" oder automatische Preisrevisionen bei einseitigen Zolländerungen am Bestimmungsort verhandeln. Ein Exporteur ohne solche Klauseln im Vertrag kann gezwungen sein, Teile des Zolls bis zur nächsten Verhandlungsrunde zu tragen.
- Incoterms: prüfen, ob es sinnvoll ist, weiterhin CIF/DDP für die USA anzubieten in sensiblen Segmenten. In manchen Fällen kann ein Wechsel zu FOB/FCA und die Überwälzung der Zollkosten auf den US‑Importeur Bedingung für die Fortsetzung der Geschäftsbeziehung sein.
- Route und Zielmarkt: mit fast der Hälfte der Exportliste unter Aufschlägen werden Unternehmen mit geographischer Flexibilität wahrscheinlich andere Märkte für stärker betroffene Linien testen und die USA auf Produkte konzentrieren, die noch von 301/232 verschont sind.
- Dokumentation und Klassifizierung: das operationelle Risiko von HS‑Fehlern steigt. Eine falsche Klassifizierung kann das Produkt einer Liste mit 25–50% Zöllen zuordnen oder umgekehrt dem Importeur das Recht auf eine Ausnahme nehmen.
- Sonderregime: wer Vorprodukte aus den USA importiert und reexportiert, findet in Drawback und anderen Regimen jetzt noch wichtigere Hebel zur globalen Kostenoptimierung.
Auf Käuferseite in den USA betont die Amcham Brasil, dass der bilaterale Handel bereits 2026 um 13% zurückgegangen sei und die neuen Zölle die Kosten für Unternehmen und Verbraucher in den USA erhöhen und die Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten stärken dürften(Amcham/Felipe Tavares). Das eröffnet Verhandlungsspielraum für Lieferfristen, Kostenaufteilungen und sogar Lagerkonzepte auf US‑Boden (Consignment, Bonded Warehouse), um die Liquiditätsbelastung des Importeurs abzufedern.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Ausnahmen. Die CNI nennt 429 neue Produkte, die in der finalen US‑Entscheidung als Ausnahme geführt werden, etwa Roheisen, Aluminiumhydroxid und Instantkaffee(CNI). Für Marktteilnehmer in diesen Segmenten ist die Arbeit nun technisch: Code für Code prüfen, die Einstufung belegen und eine belastbare Dokumentation für mögliche Prüfungen des US‑Zollamts vorhalten.
Die Einschätzung der TMLOG
Interessen hinter dem Zollschlag: die offiziellen Daten deuten darauf hin, dass die Maßnahme nicht nur punktuell gegen Brasilien gerichtet ist. Es findet eine Neuausrichtung der US‑Handelspolitik statt, die Argumente von "unfairen Praktiken" (Section 301) mit "nationaler Sicherheit" (Section 232) kombiniert, um strategische Industriesektoren zu schützen und politische Verhandlungsstärke zu erhöhen. Dass das Paket Metalle, Chemikalien, Industriegüter und Teile des Agrarsektors trifft und nicht nur Nischen, zeigt, dass das Zollinstrument als innenpolitisches Steuerungsinstrument eingesetzt wird und nicht nur zur Korrektur von Marktverzerrungen.
Wo die Presse übertreibt: Teile der Berichterstattung stellen den Zollschlag so dar, als sei damit von heute auf morgen jede brasilianische Ausfuhr in die USA unattraktiv geworden. Die Zahlen des MDIC zeigen jedoch, dass 52,7% der Liste weiterhin nur dem NMF‑Tarif unterliegen, ohne 232‑ oder 301‑Aufschläge(MDIC). Zudem bleiben relevante Produkte wie Kaffee, Fleisch, Orangensaft, Teile der Zellulose und Kraftstoffe außerhalb der Aufschläge(MDIC). Für diese Sektoren ist die unmittelbare Auswirkung deutlich geringer.
Was sich für den Exporteur wirklich ändert: für die Industrie und Teile des Agrarsektors ändert sich nahezu alles. Mit rund 47–50% der Liste unter irgendeiner Form von Zusatzaufschlag gegenüber dem Ordinarzoll(MDIC) wird der Export in die USA zum Produkt‑ und Vertragsmargenengineering und ist nicht länger ein "natürlicher" Markt mit hinreichender Vorhersehbarkeit.
Praktisch sehen wir vier unvermeidliche Reaktionen bei den Unternehmen, die wir täglich betreuen:
- aggressive Neupreisbildung für Linien mit Ziel USA, inklusive Aussetzung von Verschiffungen bis zur Einigung über neue Preise;
- Überarbeitung des Produktmix: Konzentration auf Posten, die von den Aufschlägen verschont blieben oder neu Ausnahmen erhalten haben;
- Testen neuer Zielmärkte für stark von 25–37,5–50% betroffene Produkte;
- höhere vertragliche Raffinesse (Zollklauseln, Währungshedging angepasst an die neuen Kosten und in manchen Fällen Überarbeitung der Incoterms).
Was in den nächsten Wochen zu tun ist:
- eine HS‑für‑HS‑Diagnose der Export‑/Importliste mit Ziel/Quelle USA durchführen und mit den offiziellen 232/301‑Listen abgleichen;
- mit dem US‑Kunden (oder Lieferanten) zusammensetzen und die exakten Prozentsätze pro Produkt auf den Tisch legen, gestützt auf MDIC‑Daten und die Kommunikationen von CNI/Amcham als technische Basis;
- laufende Verträge prüfen und vorrangig Auslöser für Preisrevisionen bei einseitigen Zolländerungen einfügen;
- Routen und logistische Fristen neu bewerten: bei engeren Margen wirken Verzögerungen, Lagerkosten und Demurrage stärker; die Planung von Ladefenstern wird strategisch;
- Chancen in Produkten identifizieren, die von den Aufschlägen verschont sind oder Ausnahmen erhalten haben – diese können relative Wettbewerbsvorteile gegenüber stärker bestraften Wettbewerbern gewinnen.
Regierungsverhandlungen zwischen Brasilien und den USA können das Problem mittelfristig mildern, wie von CNI, Amcham und U.S. Chamber gefordert(Comex do Brasil). Doch Exporteure und Importeure können nicht darauf warten, um ihre Operation anzupassen. Der Handlungsspielraum liegt heute in der feinen Steuerung von Preis, Vertrag und Logistik.
Praktische Warnung: ein häufiger Fehler ist anzunehmen, dass ein Produkt "automatisch" dem 25%‑ oder 37,5%‑Zoll unterliegt, nur weil der Sektor in der Presse genannt wurde. Die Listen der Section 301 und 232 werden durch detaillierte Zolltarifcodes definiert, und es gibt 429 kürzliche Ausnahmen sowie Posten, die komplett außerhalb der Aufschläge liegen(CNI)(MDIC). Bevor Sie eine Linie aussetzen, eine Bestellung ablehnen oder einer Preisreduktion zustimmen, ist es essenziell, den genauen HS auf dem Papier zu validieren, die offiziellen Listen zu prüfen und die realen Kosten mit zoll‑ und logistikfachlicher Unterstützung zu simulieren.
Quellen
- Administração Trump propõe tarifa de 25% para punir Brasil por práticas comerciais — Reuters/UOL
- A segunda carta da CNI para tentar barrar o tarifaço de Trump — Metrópoles
- Alcance das Medidas Tarifárias dos Estados Unidos sobre Exportações Brasileiras — MDIC
- Tarifaço de Trump: veja a cronologia e como ficam as novas tarifas para o Brasil — G1
- Amcham, CNI e US Chamber of Commerce conclamam governos do Brasil e dos EUA a buscarem acordo para evitar novas tarifas — Comex do Brasil
- Nova tarifa dos EUA mantém indústria sob pressão e exige avanço nas negociações — CNI
- CNI pede negociação para evitar tarifas dos EUA — PIXTV
- Nota da Amcham Brasil sobre a aplicação de tarifas de 25% dos Estados Unidos em relação ao Brasil — LinkedIn/Felipe Tavares
- Caderno especial do Observatório da Indústria — Jornal do Comércio/CNI
- Tarifaço: aço, alumínio e cobre continuam sobretaxados — Folha de S.Paulo
- Colombia ante los nuevos aranceles de EE.UU.: riesgos selectivos y oportunidades por producto — AmCham Colombia



